Ein Herz, ein Brot und der Heilige Gral – von Canfranc Estación über San Adrián de Sasabe nach Castiello de Jaca

Montag, 8. August 2016

Auf den „Camino Aragonés“ hatte ich mich nicht besonders intensiv vorbereitet. Die Telefonnummern der Herbergen notiert, die vom Conrad-Stein-Verlag als Pdf – Datei zur Verfügung gestellte Wegbeschreibung aufs Handy kopiert, das war alles. Ich konnte davon ausgehen, dass dieser Weg gut markiert war und dass er mich zu einigen romanischen Klöstern und Kirchen – Jaca, San Juan de la Peña, Santa Cruz de la Serós, Leyre und Sangüesa führen würde. Die wollte ich sehen, die waren meine Ziele.

Denn so gern ich auch Wege mit ihren Überraschungen, Schönheiten und manchmal Unschönheiten gehe – sie sind für mich kein Selbstzweck nach dem Motto „der Weg ist das Ziel“. Gut, das stimmt nicht immer. Freilich bin ich schon oft Wege ohne Ziel entlang gewandert, einfach um draußen zu sein und frische Luft und die Natur um mich zu haben. Aber der Weg zu einem Ziel hat für mich eine andere Qualität. Das Ziel – ein Ort, der mich aus irgendeinem Grund anlockt, der meine Phantasie anregt, in meiner Vorstellung irgendetwas ahnen lässt, an dem ich gerne teilhaben möchte – nimmt dem Weg das Unverbindliche und verlangt nach einer Ausrichtung, nicht nur der äußeren, geographischen, sondern auch einer inneren, einer Ausrichtung und Öffnung in der „Landkarte der Seele“, und alles, was mir auf dem Weg begegnet, gewinnt in diesem Zusammenhang eine persönliche, besondere Bedeutung. Vielleicht ist es das, was einen Weg für mich zu einem „Pilgerweg“ im weitesten Sinne macht – dass er eben nicht nur äußerlich, sondern bewusst auch innerlich gegangen wird. Vielleicht bin ich auch einfach nur unverbesserlich romantisch – ja, gewiss… aber einfach bloß „laufen, essen, schlafen“ – das wäre mir entschieden zu langweilig.

Nun saß ich also am Frühstückstisch in der Albergue „Pepito Grillo“, und mein Gegenüber, ein junger, gut deutsch sprechender Spanier (oder in Spanien lebender Deutscher?) namens Alexander erzählte, dass er auf dem Gralsweg nach Valencia sei. Das interessierte mich, von diesem Weg hatte ich noch nie gehört. Zwar war ich gestern auf Markierungen eines Reitwegs getroffen, der sich „Camino Santo Grial“ nannte, hatte aber nicht einordnen können, worum es sich dabei handelte. Auch jetzt wurde nicht ganz klar, ob Alexander diesen Reitweg gehen wollte, auf alle Fälle wollte er auf den Spuren des Grals nach Valencia. Denn dort befände sich jener Kelch mit der aus Achat gearbeiteten Schale, die als das Abendmahlsgefäß Jesu verehrt wird. Tatsächlich sei nachgewiesen, dass dieses Gefäß aus dem Orient stamme und aus dem ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Und eben dieser Kelch sei jahrhundertelang im Kloster San Juan de la Peña versteckt gewesen, in den Felsen des Berges, welcher „Mont Salvatge“ genannt wurde. Auch die Nazis hätten Interesse an diesem Kelch gehabt, ihn aber irrtümlicherweise in Montserrat gesucht… All dieses Wissen hatte Alexander aus einem Buch von Michael Hesemann.

Wahrscheinlich ist es ja mit dem „Heiligen Gral“ ähnlich wie mit dem Holz vom Kreuz Christi, es gibt eine ganze Menge davon. In San Isidoro in León wird eine antike Achatschale aufbewahrt, die spanische Historiker ebenfalls als den „echten“ heiligen Kelch identifiziert haben wollen. Und sogar der Kelch des Blutwunders in O Cebreiro wird als der „Santo Grial Gallego“ bezeichnet. Offenbar ist es ein zutiefst menschliches Bedürfnis, etwas „Heiliges“ tatsächlich an einem materiellen, berührbaren Gegenstand festzumachen. Aber wenn ich an der Echtheit dieser Gegenstände zweifle – heißt das, dass es den „Heiligen Gral“ gar nicht gibt? Doch, es gibt ihn. Als Motiv in Geschichten und Legenden, angefangen von den Erzählungen von den Rittern der Tafelrunde und Parzival bis zu modernen Computerspielen… aber was ist er nun, der Heilige Gral? Für irgendetwas muss er stehen, etwas Archetypisches, etwas, das die Menschen all die Jahrhunderte hindurch inspiriert hat… auch mich lässt sein Geheimnis nicht kalt.

Als Alexander noch bemerkte, dass es in der Nähe der heutigen Etappe eine sehr alte Kirche gäbe, in welcher der Heilige Gral ebenfalls eine Zeitlang aufbewahrt gewesen sei, San Adrián de Sasabe, beschloss ich, dort hinzugehen. Vielleicht gab es dort etwas zu entdecken – wenn schon nichts, was mich dem Geheimnis des Grals näherbrächte, so doch wenigstens eine abgelegene, vielleicht vom Tourismus noch verschonte romanische Kirche, ein Ort, um vielleicht für ein paar Augenblicke eine Zeitreise ins Mittelalter zurückzulegen… Die Herbergsbetreiber gaben mir eine Karte der Region, auf der der Weg dorthin eingezeichnet war.

Bevor ich mich aber auf den Weg machte, wollte ich doch noch die Hauptattraktion von Canfranc Estación, den Bahnhof, sehen. Da stand ich vor einem Gebäude mit wirklich phänomenalen Ausmaßen! Dieser elegante noeklassizistische Bahnhof wurde 1928 eröffnet und sollte ein glanzvolles Verbindungsstück zwischen Frankreich und Spanien darstellen. Der erwartete Erfolg blieb jedoch aus. Während des Spanischen Bürgerkriegs und des Zweiten Weltkriegs war die Strecke zeitweise geschlossen, und auch nach der Wiederaufnahme des Bahnbetriebs 1948 blieb sie unrentabel. Als 1970 ein Güterzug entgleiste und die Brücke von L´Estanguet zum Einsturz brachte, wurde der Verkehr eingestellt. Inzwischen wurde die Strecke auf französischer Seite bis Bedous saniert. Ob wohl in absehbarer Zeit wieder Züge über die Grenze fahren werden?

An diesem Morgen jedenfalls wirkte das Bahnhofsgebäude völlig verlassen und irgendwie surrealistisch. Das Dach war offenbar neu, irgendwann war also schon Geld für die Restaurierung ausgegeben worden – aber die Türen und Fenster waren mit Spanplatten vernagelt und alles war von einem hohen Maschendrahtzaun unzugänglich abgeriegelt. Einen Blick in das sicher einst prachtvolle Innere zu erhaschen war nicht möglich.

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Für den grenzübergreifenden Verkehr gibt es seit 2003 den Straßentunnel, der Pilgerweg führt an der unübersehbaren Zufahrt vorbei. Zum Glück ging es aber bald von der Straße weg, auf einen Pfad am Rio Aragon entlang. Das alte Dorf Canfranc, eine Stunde nach Canfranc Estación, wirkte noch recht verschlafen, obwohl es inzwischen halb zehn geworden war. Kein Wunder, gerade erst gelang es den ersten Sonnenstrahlen, in dieses tief eingeschnittene Tal vorzudringen. Ein Bewohner war allerdings bereits putzmunter – ein bunter, prächtiger Hahn, der hin und her stolzierte und alle paar Sekunden einigen kleinen, gepunkteten Hennen etwas vorkrähte. Plötzlich wandte er sich abrupt nach der Seite, zu einem metallicgrün lackierten Auto, und pickte, tacktacktacktack, kräftig auf das glänzende Blech! Das Blech war an dieser Stelle schon ganz grau… ob der Hahn das immer tat, wenn ein Pilger vorbeikam?

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Villanúa durchquerte ich, ohne anzuhalten. Ab und zu warf ich einen wehmütigen Blick zurück auf die Berge – die wilden, einsamen Berglandschaften, die ich in den letzten Tagen durchstreift hatte, gehörten schon der Vergangenheit an. Nun trabte ich auf einer ebenen, langweiligen Piste in der Nähe der Straße dahin. Aber plötzlich stoppte ich. Vor mir im Sand lag ein Herz! Ein kleiner Zettel mit einem darauf gedruckten roten Herz. Eine unbedeutende Kleinigkeit, nur ein winziger Abfall, aber während ich so dahingetrottet war, hatte ich gerade wieder über die Bedeutung des heiligen Grals nachgedacht… Sollte das Herz ein Hinweis sein? Der Gral hatte etwas mit Barmherzigkeit zu tun… Ich betrachtete das kleine Papier eine Weile, fotografierte es, ließ es liegen. Ein paar hundert Meter weiter fand ich wieder etwas: ein Brot! Da lag ein Brot, ein Baguette, einfach so im Staub, und es sah ganz frisch und unversehrt aus. Merkwürdig. Ein Brot ist ein starkes Zeichen, ein eucharistisches Zeichen, wie der Gral, der Abendmahlskelch… Nachdenklich ging ich um das Brot herum, sollte ich es mitnehmen? Ich tat es nicht. Aber nun war ich hellwach. Was würde der Weg als nächstes für mich bereithalten? Ich brauchte nicht lange zu warten. An einem Rastplatz fand ich Kathi und Uwe. Kathi hatte gestern erzählt, sie sei krank gewesen, und die beiden hatten in Canfranc Estación ein paar Tage pausieren müssen. „Wie geht es dir?“ fragte ich sie. „Ganz gut, aber ich bin noch ein bisschen daneben“, sagte sie. „Jetzt hab ich sogar mein Brot verloren…“ Ach Gott! Ich hatte Kathis Brot gefunden und hatte es nicht mitgenommen. Ich hatte einen Fehler gemacht! Fast wie Parzival, der aufgrund falsch verstandener Höflichkeit das Naheliegende und Richtige nicht getan hatte… Nun nahm ich mir fest vor, in Zukunft die Geschenke des Weges auch anzunehmen.

Ein Stück ging ich mit den Beiden zusammen, dann zweigte der schmale, steile Pfad nach Aratores ab, den ich nahm, um nach San Adrián de Sasabe zu kommen. Es war wieder sehr heiß geworden. Nach San Adrián waren es von hier aus mindestens sechs Kilometer, immer bergauf, und dann das Ganze wieder zurück – ein nicht ganz unbeträchtlicher Umweg, aber ich hatte ja vorgestern einen Tag „eingespart“, und dieses Kirchlein, das da oben irgendwo versteckt sein musste, hatte ich mir nun einmal in den Kopf gesetzt. In Aratores traf der Pfad auf eine schmale, kurvige Landstraße, auf der ich mich schwitzend, aber unverdrossen höher arbeitete – da hielt in einer Biegung über mir ein Auto. Ein Mann stieg aus, fuchtelte mit den Armen und schrie zu mir herunter. „Das ist nicht der Camino de Santiago!“. Ich beeilte mich, näher zu kommen. „Ich weiß, aber ich möchte nach San Adrián. Könntet ihr mich vielleicht ein Stückchen mitnehmen?“ Die Leute wollten auch nach San Adrián! Es war eine kleine Familie, auf der Rückbank saß ein vierjähriges Mädchen im Kindersitz und neben ihr der Hund, der nun nach unten musste, um mir samt meinem Rucksack Platz zu machen. Die Mama saß am Steuer, und der junge, sympathische Papa erzählte mit großer Begeisterung, dass er auch ein Pilger sei. Dann zog er ein Buch aus dem Handschuhfach und hielt es mir vor die Nase – sein Konterfei war darauf, denn er selber war der Autor, und das Buch war eine Wegbeschreibung des – „Camino Santo Cáliz“! War das nicht großartig? Da hatte ich vor wenigen Stunden zum ersten Mal von dem Weg des „heiligen Kelchs“ gehört, und nun wurden mir dazu Informationen aus erster Hand präsentiert, von Nacho Martín, der den Spuren dieses Kelchs vom Somportpass nach Valencia nachgeforscht hatte. Mit dem Reitweg „Camino Santo Grial“ hätte sein Weg nichts zu tun, beteuerte Nacho, „sein“ Weg, der „Camino Santo Cáliz“ sei ein sehr spiritueller Weg… Mit unverkennbarem Stolz und geradezu enthusiastisch wandte sich Nacho zwischendurch immer wieder an seine kleine Tochter: „Das ist eine Peregrina – como papa!“

San Adrián war eine einfache, einschiffige romanische Kirche. Ursprünglich hatte sie zu einem Kloster gehört, das im 10. Jahrhundert ein Bischofssitz gewesen war, aber davon war nichts übriggeblieben. Die Kirche war lange Zeit unter Wasser gestanden, denn sie lag tiefer als der vorbeifließende Bach. Jetzt war sie leidlich renoviert. Auf dem Altar stand die Figur eines muschelgeschmückten Pilgers, der Hund zu seinen Füßen wies ihn als San Roque aus. Nacho zeigte mir die Wandnische, in der der heilige Gral versteckt gewesen sein soll. „Aber das stimmt nicht“, sagte er. „Es ist nur eine Legende. Manchmal enthalten Legenden eine Wahrheit. In San Juan de la Peña war er tatsächlich, der Santo Caliz, aber hier gewiss nicht“. Wir besahen das Kirchlein ausführlich von allen Seiten, aber das Töchterchen wurde ungeduldig, ich holte mir noch eine Flasche Wasser aus dem Bach, und wir fuhren zurück.

In Borao verabschiedeten wir uns, nachdem ich noch eine Abnehmerin für meinen vorletzten Müsliriegel gefunden hatte – das kleine Mädchen aß ihn aber nicht, obwohl es hungrig war, sondern hielt das bescheidene „Geschenk“ andächtig in beiden Händen… Das eigentliche Geschenk aber hatte ich bekommen – eine sehr schöne Begegnung und die Idee zu einem sicherlich interessanten Weg. Ich nahm mir vor, den „Camino Santo Calíz“ irgendwann tatsächlich zu gehen. Hatte ich nicht gerade erst beschlossen, die Geschenke des Weges anzunehmen?

Borao war ein hübsches Bergdorf mit fähnchengeschmückten Gassen und weißgestrichenen Häusern, aus denen massenhaft runde, steingemauerte Schornsteine aufragten, mit kleinen Dächern wie Zipfelmützen und Spitzhüte, eine architektonische Besonderheit in dieser Gegend. Eine Bar gab es auch, die war jetzt sehr willkommen. Dank meiner Landkarte wusste ich, dass ich von hier aus auf Wanderpfaden nach Castiello de Jaca gelangen konnte, die Tourismusbehörden Aragons hatten offenbar in letzter Zeit in die Schaffung von Themenwegen investiert. Da gab es einen Vogelpfad und einen geologischen Weg, und bald traf ich auch wieder auf den Gralsweg für die Reiter. Bei der Planung der Wege war allerdings nicht alles bedacht worden – mein „Reitweg“ führte steil und geradlinig einen Berg hinauf und ebenso direkt wieder hinunter, und Regengüsse hatten ihn zu einer tiefen, schmalen, steinigen Rinne ausgewaschen. Solche hals- und beinbrecherischen Bedingungen würde ich einem normalen Reitpferd niemals zumuten!

Kurz vor Castiello de Jaca lockte mich ein Wegweiser mit der Aufschrift „Albergue“ zu einem einsam in den Feldern gelegenen Haus, der Herberge „A Noguera“. Ein wuschliger Hund begrüßte mich, als ich das eingezäunte Grundstück betrat, und als Robi, der Hospitalero, aus der Tür trat, war klar, dass ich hier bleiben würde… Hier war es wie daheim! Ich bekam ein eigenes, pfirsichfarben gestrichenes Zimmer mit bestickten, lichten Vorhängen und Holzdecke, mit eigenem Bad, denn ich war heute die einzige Pilgerin hier – außer mir hatten sich noch zwei Urlauberfamilien einquartiert. Das Haus war wunderschön, aus Natursteinen und Holz, voller entzückender Details, das Stiegengeländer mit Blümchen bemalt, jeder Schlafraum, jedes Badezimmer unterschiedlich gestaltet… Robi erzählte, er habe alles selber, mit eigenen Händen aufgebaut. Nun ja, zusammen mit seiner Ex. Wir unterhielten uns lange, und ich spürte schnell, dass Robi doch nicht ganz so glücklich war, wie er sich zunächst den Anschein gab, und am nächsten Morgen gestand er, dass er sein Haus eigentlich gern verkaufen und durch die Welt ziehen würde… Aber heute Abend kochte er ein köstliches Menü für seine Gäste. Robi gehört zu den wenigen Menschen, die ich auf diesem Camino wirklich ins Herz geschlossen habe.

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